NOVEMBER 2017
Neues Heft
Hurra, wir sperren alles auf! Nun ist es vollbracht. Die Erde hat uns wieder. Das Volk der Tschecheranten und Kiffer darf also wieder in die Untiefen der Gastro­nomie eindringen. Das freut die Handelsleut’! Weil ohne Alkoholnebel offensichtlich die Kauflaune der Menschen gering ist, wie uns etliche Geschäftsinhaber und Handelskämmerer in Interviews immer wieder treuherzig berichteten. Die täglichen Fallzahlen unserer Lieblingsseuche sind am 11. Mai bereits in Folge bei kümmerlichen 800 Stück Infizierten gelegen, um am nächsten Tag – o Wunder – plötzlich wieder um 50% höher, also bei 1200 zu liegen. Ein Schelm, der sich dabei Böses denkt. Der Sommer naht, den Polizisten gehen bei unangemeldeten Demonstrationen wahrscheinlich die „Lollies“ aus, die sie an die friedlichen Demonstranten zur „Deeskalation“ verteilen sollen. Die mächtige Wirtschaft schreit „genug“, da verlassen alle den „Seuchenzug“. Es muss sich was tun im Handel, im Fremdenverkehr (= wir brauchen mehr Mutanten im Land, also bringt sie uns) und natürlich in der Gastronomie. Alle gieren schon nach dem „Convenient-Halbfertig-Futter“ vom Metro, das in den unzähligen „gemütlichen“ Beiseln zu „Hausspezialitäten“ verwärmt wird. Die Hotels buckeln vor jedem fremden Gast und bald wird man in Tirol wieder der Gastro-Weihestätte verwiesen werden, wenn man Fleischlaberln statt Butterschnitzeln und Erdäpfel anstatt Kartoffeln bestellt, die Käse-Sahne-Torte nicht zu vergessen! Alles schon dagewesen. Der Reiche und der Schnösel Ein Die Konstellation war, dass auf einen der wenigen freien Parkplätze vor einem Supermarkt zwei Autofahrer wohl gleichzeitig ein begehrliches Auge geworfen hatten. Zielsicher steuerten sie ihn an und es handelte sich nur um wenige Zentimeter und ein Zusammenstoß schien unvermeidbar, aber die direkt aufeinander zufahrenden Männer bremsten in letzter Sekunde ihre Fahrzeuge ab. Doch der Fahrer des wendigeren Porsches reagierte tollkühn und stieß blitzschnell mit aufheulendem Motor in die Parklücke hinein. Der Verlierer dabei war der Lenker eines silbernen, chromblitzenden Rolls Royce, dem die rigorosen Gepflogenheiten um die Nutzung von freien Parkplätzen wohl nicht ganz bekannt waren. Der forsche Porschefahrer zog den Zündschlüssel ab und stieg aus, der betagte Fahrer der Luxuskarosse drückte sein Knöpfchen, um das Seitenfenster herabzulassen und streckte sein weißhaariges Haupt zur Öffnung hinaus. Seinem roten Gesicht war deutlich anzumerken, dass ihm diese Entwicklung nicht gefallen hatte und er meldete entsprechenden Protest an. „He, Sie, das war aber gerade nicht sehr fein, was Sie sich da geleistet haben“, rief er. „Haben Sie denn nicht gesehen, dass ich diesen Parkplatz benützen wollte?“ „Ich verstehe gar nicht, was Sie wollen“, entgegnete der junge Porschefahrer und ließ seinen Schlüsselbund aufreizend um seinen Zeigefinger wirbeln. „Ich wollte nur genauso wie Sie hier parken, und ich war schneller als Sie. Na und?“ „Das ist keine Antwort“, begehrte der Rolls-Royce-Fahrer erregt auf. „Ich bin schon dagestanden und habe darauf gewartet, dass der Parkplatz frei wird, da war von Ihnen weit und breit noch nichts zu sehen. Also habe ich wohl etwas ältere Rechte, finden Sie nicht auch?“ Ein Mann mit Glatze hat schon was! Wenn War es vor längerer Zeit Yul Brynner, der die Frauenherzen höher schlagen ließ, oder Telly Savallas alias „Kojak“, ja sogar Captain Picard aus der Enterprise, so sind es heute vor allem alternde VIPs, die zu dieser „Frisur“ neigen. Sie und noch einige andere gelten und galten als Sex-Symbole schlechthin. Wenn sie dann noch ausdrucksvolle Augen, oder den gewissen Blick hatten, dann schmolzen wir Frauen sowieso dahin. Heute machen viele Schauspieler, wie z. B. Bruce Willis und auch Politiker, habe ich mir sagen lassen, aus der Not eine Tugend und kaschieren, oder „überspielen“ ihre be­reits schüttere Haarpracht damit, dass sie sich den spärlichen Haarwuchs gleich ganz abrasieren! Das kunstvolle Drapieren von vielleicht fünf Härchen am sonst kahlen Kopf, ist obsolet geworden und Perücken gelten bei Männern sowieso als dekadent, da schon lieber zur Totallösung greifen! Head-Hunter sagen auch aus, dass Männer mit Glatze intelligenter, erfolgreicher und cleverer erscheinen! Damit haben Männer mit Glatze die Nase vorn! Too old to work (Rock’n’Roll) – Too young to die! Wir Bereits die Pioniere des Progressive Rock „Jethro Tull“ wussten es. Vor fast einem halben Jahrhundert erschien ein musikalisches Vermächtnis dieser einzigartigen Formation, welches die Geringschätzung des älteren Menschen thematisierte. Auch in der Gegenwart ist dieses Thema nach wie vor brandaktuell und erhielt da eine zusätzliche Zuspitzung. Der ältere oder gar alte Mensch wird mehr denn je als Angehöriger einer Hochrisikogruppe eingestuft, die es zu „beschützen“ gilt, wobei man darunter hauptsächlich das Weg- oder Einsperren hinter Türen und Mauern (Alten- und Pflegeeinrichtungen beispielsweise) versteht. Zutritt bes­ten­falls unter erschwerten Bedingungen möglich. Dabei sind doch auch die Angehörigen der Gruppe der grauen Panther oftmals durchaus noch sinnvoll einsetz- und belastbar. Hier liegt zweifellos sehr viel Potenzial brach und wird unzureichend genutzt. Auch meine Wenigkeit ist mittlerweile dieser Altersgruppe zuzurechnen. Ich selbst durfte im Jahr des Staatsvertrags das Licht dieser Welt erblicken und habe meine damalige Ankunft sehr lautstark angekündigt. Zumindest wurde mir das seitens meiner Vorfahren durchaus glaubhaft überliefert. Mittlerweile natürlich in die Jahre gekommen und auch schon einigermaßen ergraut, bin  ich auch aufgrund meiner gesundheitlichen Umstände, die mich im vergangenen Jahr doch längere Zeit ziemlich stark lahmlegten,  längst wieder auf der Überholspur.   Wer rastet der rostet. Körper und Geist müssen permanent einem Training unterzogen werden. Auch das Verfassen dieser Zeilen fällt in diese Kategorie, wobei niemand hinter mir steht  um mich zu höherem Tempo anzutreiben. „Samma no imma ned fertig?“ Es erfolgt auch keine Entlohnung nach fertigen bzw. kompletten Manuskripten. Nein, es ist niemand anwesend, der hier mehr und immer mehr einfordert. Der Tag beginnt seit einigen Monaten damit, dass ich einen Drahtesel besteige und diesen mittels meiner eigenen Mus­kelkraft nach vorne bewege. Mit Treibstoff oder Strom als Hilfsmittel, das kann doch jeder. Traktat über die aetatische, sozialpolitische Interpretation des Theaters oder: Was macht ein Regisseur Freunde, ich kann es nicht lassen. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich kann mich beim besten Willen nicht von meinen wertkonservativen Vorstellungen in den Bereichen der Theater- und Opernregie verabschieden. Ich bin felsenfest davon überzeigt, dass die Schöpfer von Opern und Theaterstücken einen bestimmten Handlungsablauf vor Augen hatten, und sogar wirklich und wahrhaftig danach Libretti und Textbücher verfassen wollten. Schrecklich! So was kann man heute natürlich nicht mehr brauchen. Alles “alter Kaffee“. Man muss heutzutage – wie das später angeführte Zitat zeigt – mit bisherigen Konventionen brechen und den My­thos eines Werkes so umdeuten, dass er zeit- und gesellschaftspolitisch in die Gegenwart passt. Alles klar? Hänsel und Gretel in der „All-you-can-eat-Kaschemme“ mit einer Prise Kannibalismus. Das Frühjahr belehrt mich, dass meine Vorlieben in Bezug auf Theater und Oper hoffnungslos „outdated“ sind, und dass ich meine Wunschvorstellungen nur mehr in verregneten Filmdokumenten mit Rauschfaktor finden kann. Kein zeitgenössischer Kulturtempel wird mir je live etwa originale Shakespeare-Inszenierungen oder libretto-gerechte Opernvorstellungen bieten können. Aber die Bühnen leben, trotz Pandemie und Zuschauerschwund. Parsifal im Drahtkäfig, der ein Zuchthaus darstellen soll!  Der russische Regisseur, Kirill Serebrennikow, war prozessbedingt aus Russland unabkömmlich. „Der regimekritische russische Starregisseur Serebrennikow, der aufgrund eines Ausreiseverbots per Video und E-Mail inszenieren musste, legt eine ,Parsifal’-Deutung vor, die ganz unterschiedliche Publikumsschichten für das Format Oper begeistern kann. Dieser Parsifal, der am Sonntag aufgezeichnet wurde, bricht mit bisherigen Konventionen und deutet den Mythos so, dass er zeit- und gesellschaftspolitisch in die Gegenwart passt.“, so der enthusiasmierte Pressetext von unserem Regierungsfunk. Wertegesellschaft im Wandel Seit die Welt besteht, gab und gibt es für die Menschheit immer wieder andere Dinge, die ihr wichtig, ja lieb und teuer, ja lebenswichtig wurden. Das Erste war wahrscheinlich das Feuer, dann hat irgendjemand das Rad erfunden. Damit fing es an. Man konnte irgendwie besser Lasten bewegen, woanders hinkommen und dann irgendwann in das Zeitalter der Industrialisierung schlittern. Obwohl, da gibt es auch Aufzeichnungen, dass die Chinesen das schon alles hatten, bevor wir Neandertaler in Old-Europe das erste Flämmchen entzündeten.  Während man in den germanischen Wäldern noch mit Pfeil und Bogen jagte, schossen die Chinesen schon Feuerwerke und Raketen in die Luft, erfanden einfach das Schießpulver! Das musste schon Marco Polo erfahren. Salz, oder auch Pfeffer und Gewürze waren so teuer, dass es sich nur wirklich Betuchte leisten konnten, Handelsschiffe haben es über Ozeane zu uns gebracht, heute kauft man die Gewürze im Supermarkt!! Jahrhunderte lang war Seide so begehrt, immens teuer und ein Statussymbol, dass sie nur Fürsten und ihre Getreuen tragen durften, dass gemeine Volk musste sich mit Linnen und grobem Tuch bedecken! Eine eigene Straße, die Seidenstraße, führte von Asien bis in den Mittelmeer-Raum, auf der man diese kostbare Fracht transportierte. Nun hat sie an Bedeutung verloren. Samarkand ist weitgehendst in Vergessenheit geraten. Der Duden - ein Nachschlagewerk? Ja, aber nicht nur: Ich habe in ihm ein hochinteressantes Lesebuch entdeckt, vor allem als Bettlektüre. Der Duden ist anregend und kurzweilig; u. a. ist er eine Fundgrube an erbaulichem Uralt-Vokabularium. Mein Oheim, mehr noch mein Eidam, sind geradezu begeistert davon. Auch die urwüchsigen Beiträge der Schwiizer und Österreicher lassen mein Herz höher schlagen (hoch lebe die Mannheimer Redaktion! Wenigstens dort hat man erkannt: Wir sind ein Volk! Ich bin sicher, das Thema wird wohl demnächst auch Gegenstand von Montags-Demos in Berlin, Wien und Bern). Freilich dient der Duden nicht nur der banalen Unterhaltung. Er zeigt auch unerbittlich meine Bildungslücken auf. Es ist schon erschreckend, wie viel Stolpersteine mir allein auf zwei Seiten be­gegnen. Andererseits fühle ich mich dadurch entschädigt, dass ich an so manchem Stein des Anstoßes meine Kritiklust wetzen kann. Hier also das Resümee eines Bildungsabends: Rein zufällig schlage ich Seite 198 meines neuen Lesebuches auf und falle gleich über Daffke (berlin.) - Ein Aha-Erlebnis* für mich. Als langjährigem Neuköllner ist mir die Bedeutung des Wortes geläufig, aber dass es dudenfähig ist, überrascht mich doch. Es bedeutet „aus Trotz“ oder „aus Spaß“. Wenn also jemand einem anderen einen Bären aufbindet, geschieht das aus Spaß (oder zum Trotze). Dann stolpere ich über Dagobert (m. Vorn.) - Männlicher Vorname, das genügt mir nicht. Hier hätte der Duden jenem genial-berüchtigten Erpresser ein bleibendes Denkmal setzen sollen. Geradezu unverzeihlich findet es Donald Duck, dass man seinen verehrten Onkel vergessen hat. Die erste gravierende Bildungslücke tut sich auf bei Dagon - Den Hauptgott der Philister sollte man wirklich kennen.   Was NICHT ins Tagebuch kam! Rumpelstilzchen I Manchmal brauche ich so ein bisschen einen Schub für mein Selbstwertgefühl. Wenn mein Ego wieder zu­recht­gerückt ist, geht es mir viel viel besser. Ich war noch im Vorschulalter, begann ich mit dem Schachspiel. Wie in der Schachnovelle von Stefan Zweig lernte ich viel nur durch Zuschauen. Kurz angemerkt, zur Meisterschaft brachte ich es nie, aber das Interesse blieb. Bevor einer Mutter mit zwei kleinen Söhnen die Decke auf den Kopf fällt, schließt sie sich gerne mit anderen Müttern, in ähnlicher oder gleicher Situation zusammen. Die Mutter, mit der fallenden Decke, war ich und so begann ich, nach vielen Jahren der Abstinenz, mit Frau R. regelmäßiges Schach zu spielen. Mein, damals noch nicht, Exmann passte auf unsere „lieben“ Kleinen auf. Wahrscheinlich nervte ihn das Aufpassen und so besorgte er mir einen der teuersten Schach-Computer. Na ja, ich übte, und nach relativ kurzer Zeit gewann ich gegen die Maschine. „Ich-ha-be-ver-lo-ren“ – sagte ein paar Tage später mein lieber Computer und ich war im Siebenden Spielerinnen-Himmel.     Die nächste Ausgabe erscheint      im SEPTEMBER 2021
Startseite Das 1. Jahr Editorial Neues Heft Angebote Buchtipps Kontakt
Das ironisch satirische Magazin aus Österreich!
HEFT 2/2021 
Erscheinungstermin: 24. MAI 2021
Ein Klick in das Bild öffnet den Download für das neueste SACKBLATT!